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Buchtipp

Elena Fischer
Paradise Garden

Die junge Autorin hat mit ihrem Erstlingswerk ein wunderbar leicht zu lesendes Buch veröffentlicht. Nicht nur leicht, sondern so, dass sich die Leser diesem Roman kaum entziehen können. Es könnte der allerdings falsche Eindruck entstehen, es handle sich um eine Autobiografie. E. Fischers Roman wurde für den Deutschen Buchpreis 2023 nominiert.

Protagonistin ist die 14jährige Billi, die mit ihrer Mutter Marika in einer Hochhaussiedlung, einem sozialen Brennpunkt eines Stadtteils, lebt. Gebürtig sind beide aus Ungarn und dort lebt noch die oft gewalttätige und daher ungeliebte Großmutter mütterlicherseits. Vieles ist für Mutter und Tochter unerreichbar und so versuchen sie, den Alltag zu meistern. Marika hat zwei Jobs, die geradeso für den Lebensunterhalt reichen. Da wundert es nicht, dass beide die Stadt, deren Fluss und das größte Kaufhaus der Stadt als etwas Großes, Spektakuläres erleben.

Die Schullaufbahn der in gewisser Weise zielstrebigen Billi scheint unspektakulär zu sein. Dagegen wird die Mutter als unangepasst erlebt, sie scheint den Alltag, ihr Leben, quasi jonglierend zu bewältigen – denn: Verluste führen oft dazu, nie irgendwo richtig anzukommen. Tröstlich sind nette, junge überaus hilfreiche Nachbarn, vor allem der Nachbar, der als Israeli gemeldet, aber Palästinenser ist und die junge Frau, nahezu fast mütterliche Freundin der 14Jährigen.

In diese kleine irgendwie friedliche Welt bricht zu Beginn der Sommerferien der unerwartete Besuch der ungarischen Großmutter ein, die den Unfalltod der Mutter und Billies merkwürdige fast unglaubliche Reise mit einem kaputten TÜV-losen Auto ins Schleswig-Holsteinische verursachen wird. Herrndorfs Roman Tschick klingt an. Die Autofahrt gilt der Suche nach dem leiblichen Vater. Billies Wegweiser: Ein Kassenbon aus einer Stadt an der See, ein halbes Foto eines bestimmten Hauses und ein Zeugnis der Mutter über den erfolgreichen Besuch eines Deutschkurses. Hartnäckig stellt sich die Jugendliche allen Widrigkeiten, kontaktfreudig und mutig findet sie die richtigen Personen. Alles wird trotz allem vermeintlich gut.

Aber der Roman zeigt auch eine andere Ebene. Die Person der Marika offenbart deren Verhalten, deutet auf eine nicht bewältigte sie traumatisierende Vergangenheit – zeigt im Grunde ein sich Abschotten von der Realität und einen planlosen Alltag – wenn auch oft für die Tochter fantasievoll gestaltet. Marika spaltet im Alltag nicht nur ihre Kindheitserfahrungen ab und kann so überaus schmerzliche Erinnerungen vermeiden. Sichtbar wird, wie Billies Identifizierung mit dem Leid der Mutter die eigene Entwicklung zu bremsen scheint. Insgesamt aber erleben die Leser die jugendliche Protagonistin als stark. So dürfte das Mädchen immer wieder Personen um sich gehabt haben, die sie versorgten und liebevoll betreuten: Wichtige Resilienzfaktoren. Erkennbar wird dies, als sie im hohen Norden auf den vermeintlichen Vater trifft, bei dem sie wohl in früher Kindheit längere Zeit gelebt hat.

Schlussendlich fällt Milieu-Unkundigen das nicht angepasste, oft unsoziale Verhalten der Protagonisten auf. Einerseits könnte es die prekäre Lage erklären und damit auch, warum ein neuer Monat (Geld) für Mutter und Tochter immer wieder ein neues Leben bedeutet. Ob das Geschilderte das Leben aller oder vieler Personen aus sozialen Brennpunkten betrifft, muss offen bleiben. Wie ein roter Faden durchzieht der mehr oder weniger verbrämte Diebstahl den Roman. Billi stiehlt manchmal nur aus Liebe zur Mutter, dagegen empfindet die Freundin Lea das Stehlen so schön wie zu zaubern. Mutter wie Tochter kaufen sogar mal einen Fahrschein, absolute Verbote wie etwa am See kümmern sie nicht. Es sei einfach, im Discounter zu stehlen und der Tipp, die Tasche mit Alufolie auszukleiden, um den Alarm gestohlener Dinge zu verhindern, ist ein guter Tipp und in diesem Kontext kommt natürlich das Lügen hinzu. Sozialkritik der Autorin?

Fischers Roman nimmt den Lesenden mit - aber ist keinesfalls nur leicht und witzig wie ein Roadmovie.

Elkie Grün



Simone Lappert
Der Sprung
Diogenes Verlag 2019
231 Seiten

Mainz liest auch im Jahr 2024 ein Buch – diesmal den von der Schweizer Schriftstellerin Simone Lappert verfassten Roman Der Sprung. Er erschien am 1. September 2019 im Diogenes Verlag.

Die Lesenden erleben mit etlichen anderen sieben hervorgehobene Charaktere. Man könnte meinen, es handle sich um sieben Kurzgeschichten – aber nein, denn alle verbindet das gemeinsame Leben in der kleinen Stadt Thalbach.

Innerhalb von drei Tagen erleben diese Personen ihr Städtchen im Ausnahmezustand. Die ihnen bekannte junge Manu steht auf einem Hausdach und schreit. Sie wird springen, ein Narr, wer etwas anderes annähme.

Jede Person im Umkreis des Ereignisses ist von Neugier und Sensationslust getrieben, einer faszinierenden Lust am Schrecken - unglaublich, dass diese hungrig und durstig macht. So hat das Kaufsmannspaar endlich seinen großartigen Umsatz; das kleine Café am Platz ist überhaupt der Ort. Seine Inhaberin Roswitha kennt nahezu alle und deren Geschichten, überdies bieten die Caféstühle Plätze im ersten Rang.

Nach kurzer Zeit zieht das Buch einen - trotz der gewöhnungsbedürftigen Erzählweise - in den Bann. Man leidet mit Felix, dem Polizisten, lernt Maren die Schneiderin kennen, ebenso Egon, den Schlachter, aber eigentlichen Hutmacher, und Finn, den glücklosen Fahrradkurier – Freund der Manu auf dem Dach. Ebenso zählen Manus Halbschwester Astrid, der obdachlose Henry, das Kaufmannspaar Theres und Werner und etliche andere dazu. Deren Leben und derenTräume, Erinnerungen und Hoffnungen, Aggressionen und ein Sichaufgeben verbinden sich mit dem nicht endenwollenden Verhalten der Manu auf dem Hausdach. Denn Manu fesselt und frustriert die Schaulustigen, nicht zuletzt weil sie - ziemlich ungewöhnlich für potenzielle Selbstmörder - schreiend und balancierend mit Dachpfannen wirft.

Die nach einzelnen Figuren benannten Kapitel vermitteln ein Stimmungsbild über die eigentlich rätselhafte Dramatik eines jäh über sie hereingebrochenen Geschehens. Urplötzlich werden Verbindungen und Beziehungen zwischen diesen Personen sichtbar und zugleich rührt das Ereignis bei fast allen an lange verdrängte sie traumatisierende Erlebnisse. Es sind sichtlich nicht arrivierte enttäuschte Menschen – unvollkommen, defizitär und einsam. Die Cafébesitzerin Roswitha bringt es am Ende im Gespräch mit der auch zutiefst traumatisierten Lokführerin Edna gelassen auf den Punkt (S.269) "Zwei Schildkröten sind wir, dachte sie. Einzelgängerinen, die am besten allein zurechtkommen, ohne Anhang. Nur ab und zu streifen wir uns, nicken einander wissend zu, das reicht."

Endlich kommt Astrid, Manus Halbschwester, steigt nach oben und kann im Gespräch mit der Schwester das "Warum" enträtseln. Manu springt nach vielen, schier endlosen Stunden heil in ein Sprungtuch und wird klinisch betreut.

Vieles wird danach nicht mehr wie vorher sein, was sein könnte, bleibt der Vorstellungskraft der Lesenden überlassen.


Annie Ernaux
Eine Frau
Suhrkamp, 4. Aufl. 2022

Annie Ernaux bekam als erste französische Schriftstellerin am 10. Dezember 2022 den Nobelpreis für Literatur verliehen. In ihrer Rede 1 in Stockholm sagte sie, ihr gehe es in ihren Büchern u.a. darum, den Zorn auf den diskriminierenden Umgang mit Frauen und die Wertschätzung des eigenen Körpers auszudrücken ... "darum, mich in das Unsagbare zu vertiefen, die verdrängten Erinnerungen, und die Lebenswirklichkeit der Menschen, unter denen ich aufgewachsen war, ans Licht zu bringen. Zu schreiben, um die inneren und äußeren Gründe zu begreifen, derentwegen ich mich von meiner Herkunft entfernt hatte."

Schon 1987 erschien in Frankreich das schmale Buch Eine Frau. Es entzieht sich nach dem Willen der Autorin jeder Kategorie. Ernaux sieht es nicht als Biografie, nicht als Roman, sondern eher als etwas zwischen Literatur, Soziologie und Geschichtsschreibung (S. 88). Es ist etwas Alltägliches, ein berührendes Lebensbild der Mutter mit Tochter, eine Skizze des französischen Nachkriegsmilieu – und doch wird es in vielem unserem ähnlich gewesen sein. Das Alltägliche nimmt eine völlig andere Dimension an, wenn "der Satz" der Rede, also der Schlüsselsatz und damit die Lebensdevise der Preisträgerin deutlich wird: "Ich werde schreiben, um die Meinen zu rächen."

Ernaux wollte schon früh Schriftstellerin werden, um die soziale Ungerechtigkeit der Geburt zu tilgen, um die erlittenen Beleidigungen und Erniedrigungen zu kompensieren, um die Befreiung der Frau zu erreichen – auch heute noch. Weiterer Beweggrund ihres Schreibens war das eigene erduldete Leben. Sie wollte nur über eigene Erlebnisse schreiben, in nüchterner präziser Sprache. Insbesondere für all das hatte sie nun das Nobelpreiskomitee ausgezeichnet – für "ihren Mut und ihre klinische Scharfsinnigkeit, mit der sie die Wurzeln, Entfremdung und die kollektiven Zwänge persönlicher Erinnerungen aufdeckt."

Vor diesem Hintergrund verfasst Ernaux "Dreizehn Tage nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1986 - so der Klappentext des Buchs - ein kurzes, schmerzhaftes Requiem. Und lässt die Mutter als Repräsentantin einer Zeit und eines Milieus auferstehen, das auch das ihre war". Überdies geht sie ihre Themen in merkwürdig anmutender Weise an, denn sie beschreibt sich als Sezierende, als Archäologin in eigener Sache, als Ethnologin ihrer selbst. Dennoch liest sich dieser kleine Band leicht - auch wenn Wut, Ohnmacht und Verzweiflung spürbar sind und die Autorin begleiten. Es geht um Nöte und Konflikte der Kriegs- und Nachkriegszeit, um Armut und Beschränkungen, die Mühsal der Arbeiter und kleinen Kaufleute in einem unbedeutenden Ort der Normandie - aber nach dem 2. Weltkrieg geht es aufwärts. Die Eltern des Einzelkindes, bald Besitzer eines kleinen Lebensmittelladens mit Kneipe und einem Auto, fördern Annie E. in vieler Hinsicht - soweit es Herkunft und Stand entspricht. Die Tochter jedoch konnte später, wie von der Mutter ersehnt, in die ihr selbst "verschlossene Welt der Wörter und Ideen" wechseln. Sie erkennt, dass "Welten liegen zwischen tatsächlicher Bildung und dem Wunsch nach Bildung (S. 53).
Dieses bestimmt oft frustrierende Spannungsfeld erinnernd schildert Ernaux ihre Beziehung zur Mutter. Es entsteht ein Bild von der Mutter und eines einer nicht ungewöhnlichen Mutter-Tochter- Beziehung: liebevoll, stressig, aufreibend und missverständlich, etwas zwischen Verstehen und Nichtverstehen, etwas, das sich mit zunehmender Ausbildung und dem Studium der Tochter (sogar in London) verstärkt,
Opferbereitschaft aufseiten der Mutter und Annahme bzw. Abgrenzung vonseiten der Tochter. Die Autorin dokumentiert trotz allem und über allem ihre unendliche Liebe und Fürsorge für die Mutter, Dankbarkeit und Verantwortung für die alternde und schließlich kranke Frau einhergehend mit Resignation und Unbehagen der Tochter darüber, den elterlichen Verhältnissen entwachsen zu sein.

Ein Fazit? Vielleicht das der Literaturkritikerin Sandra Kegel: "Annie Ernaux gelingt es in "Eine Frau", ihre Mutter gleichermaßen kompromisslos und zärtlich zu beschreiben, entlarvend und mitfühlend. Das lässt die ganze Ambivalenz dieser Mutter-Tochter-Beziehung greifbar werden, die sich im Laufe ihrer beiden Leben immer wieder neu sortiert hat". 2

Elke Grün

1 https://www.suhrkamp.de/video/die-nobelpreisrede-von-annie-ernaux-b-38922
2 Sandra Kegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.11.2019 , https://www.buecher.de/shop/paris/eine-frau/ernaux-


Stefan Moster
Neringa oder Die andere Art der Heimkehr
Mare Verlag, 2016, 288 Seiten, 20 Euro

Ein 50jähriger Mann in der Midlife crisis. Er kennt, wie auch Charlie Chaplin und Winston Churchill ihn nannten, den Schwarzen Hund, die Schwermut. Dieser namenlose Protagonist im Roman Neringa ist der, der den Lesenden unaufgeregt mit auf seinen nicht immer geraden Weg nimmt. Auf die Suche.

Der erfolgreiche IT-Mann lebt seit langem allein in London, in seiner Wohnung versorgt von der litauischen Putzfrau Neringa.
Er grübelt über sich, sein vermeintlich Sinn entleertes Leben nach; über das, was er einmal hinterlassen wird, über Schwermut und seine Wut, er tut dies wie so viele Autoren in der Mitte des Lebens - aber wunderbarer Weise anders. In Mainz geboren und aufgewachsen, sein Leben spielte sich zwischen Eltern und den väterlichen Großeltern ab, Vater Philipp und Großvater Jakob sind Holz-Pflasterer. So staunen wir darüber, dass weite Bereiche der Mainzer Innenstadt wie die Große Bleiche oder die Anlage vor der Christuskirche mit kleinen Holzblöcken in originellen Mustern gepflastert waren. Jakob und Philipp waren dabei. Aber der Großvater - unendlich ruhig und geduldig - wird manchmal ebenso wie der Enkel von einer unberechenbaren überaus großen Wut gepackt mit schlimmen Folgen. Einmal wäre fast die Großmutter zu Tode gekommen.

Aber all das ist dem Erzähler unendlich fern - bis er in London ins Kino geht und dort blitzartig an diese und andere Geschichten erinnert wird, so an eine Postkarte vom Mont St. Michel - der Großvater war als Soldat dort. In was wird er verwickelt gewesen sein? Dann die Familien-Berichte über die vielen, vielen Stunden auf dem einbeinigen Höckerchen, die Holz-Pflasterei ist mühsam; kaum vorstellbar, wie sich Vater und Sohn über Monate die Große Bleiche entlang arbeiten. Mit dieser Arbeit ist ein weiteres wichtiges Motiv des Romans verbunden, "das Trauma, dass eine "demütige, eigentlich gut gemeinte Arbeit"(1) des Großvaters zur Katastrophe führte ... . Als im zweiten Weltkrieg die Alliierten Mainz bombardierten, brach in genau diesen Straßen ein infernalisches Feuer aus, das viele Todesopfer forderte."

Der Erzähler beschließt, Mainz zu besuchen und den Spuren seiner Familie nachzugehen. Zu der Zeit wird er - als er einmal zufällig seiner Putzhilfe Neringa begegnet - gewahr, dass sich durch sie sein Alltag aufhellt. Neringa (2) ist Litauen entflohen und lebt das Leben wie sie es möchte. Das Aufräumen und Putzen dient nur dem Lebensunterhalt - auf keinen Fall aber einem tieferen Sinn. Wer und was ist sie?

So wechselt der Erzähler immer wieder die Perspektive, wir tauchen in die Mainzer familiäre Recherche ebenso ein, wie in die Stadtarchive. Dann wieder London, die Suche nach Neringa, die ihm zwar aufräumt - aber ohne jegliche Adresse oder Telefonnummer. Skurril mutet die Suche über die litauische Botschaft und die große litauische Community an, die Begegnung mit litauischen Basketballern und dann die große Freude: Neringa beim Figuren - und Schattentheater zu erleben und kennen zu lernen.

Ob die aufgetanen familiären Geschichten zuverlässig sind, ob die Überlieferungen der Wirklichkeit entsprechen, alles scheint nun keine allzu große Bedeutung mehr zu haben. Mit unserem Erzähler - so eine Kritik aus der Schweiz - sehen und begreifen wir, dass "mitten in der biografischen Sinnsuche, die der Autor virtuos mit deutschen Schicksalen vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart verknüpft, (führt) die Begegnung mit einer jungen Frau aus Litauen zu einer ganz neuen Möglichkeit des Glücks im Hier und Jetzt."(3) führt.
Beurteilungen des Romans sind durchweg positiv - er sei leicht und locker, auch tiefsinnig. Ein gutes Buch (...) mit "der Gelassenheit einer einmaligen sprachlichen Schönheit".

Elke Grün

1 https://www.deutschlandfunkkultur.de/neringa-ein-erinnerungsbuch-stefan-moster-auf-den-spuren-100.html

2 Wikipedia "neria, nerge, neringia": Land, das auf- und abtaucht wie ein Schwimmer.
Der Legende nach geht der Name auf eine Riesin zurück, die zum Schutz der Küste
einen Wall aus Sand aufgeschüttet hatte. ... die Kurische Nehrung

3 https://www.orellfuessli.ch/autor/stefan+moster-342890/


Norbert Gstrein
Der Zweite Jakob

Dieses Buch des 1961 geborenen österreichischen Autors war preisverdächtig, es stand nicht nur auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021, sondern fand auch in der Kritik überwiegendes Lob, ein spannendes "atemberaubendes" Buch.

Carsten Otte, SWR 2, befindet "Der zweite Jakob" von Norbert Gstrein sei ein mitreißender Roman über den verzweifelten Versuch, sich der eigenen Herkunft und einer beschämenden Biografie zu entledigen".

Man ahnt es schon: Jeder Lesende muss sich auf den Ich-Erzähler einlassen - eine anstrengende Einlassung. Wer sich also etwas fordern mag, mag dem irgendwie skurrilen Leben der Innsbrucker Hauptfigur Jakob Thurner folgen. Er, nun nahezu 60 Jahre alt und eher zufällig Schauspieler geworden, überzeugt besonders in der Rolle eines Mörders. So wird er zunehmend auch in internationalen Film-Settings gebucht, denn - er entpuppt sich als der Spezialist in der Rolle eines Frauenmörders. Nicht nur das: Er veruntreut geerbtes Geld, das seine Großmutter ausdrücklich für seinen bedürftigen Onkel Jakob (den Ersten) gedacht hatte, und lebt auf großem Fuße. Von beidem weiß seine Tochter Luzie nichts.

Dieser ungewöhnliche allein lebende Typ möchte nun wie immer seinem Geburtstag entfliehen und lädt seine erwachsene Tochter ein. Aber letztere entzieht sich. Überdies plant seine steirische Heimat eine Feier anlässlich seines 60. Geburtstag und ein Verlag möchte seine Biografie herausgeben. Ein bisschen viel auf einmal - der Jubilar fühlt sich bedrängt. Immer neue Fragen der Tochter und das Insistieren des Biografen werfen den Ich-Erzähler fast aus der Bahn. Unaufhaltsam muss er sich dem, was er getan oder vielmehr unterlassen hat, stellen. Fragen zu einer Lebensschuld lassen ihn nicht los, vor allem die Frage der Tochter "Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?" So befördern ihre vielen Fragen, ihre ständige Anwesenheit bei den biografischen Interviews die dramatische Entwicklung der Handlung. Er sieht sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert und damit mit Dreharbeiten an der Grenze der USA zu Mexiko in den achtziger Jahren, mit der Not der Bevölkerung und der Not am Filmset. Infolge von Eifersucht und Querelen wird der Protagonist u.a. in einen schrecklichen Unfall verstrickt - über den aber nie gesprochen wurde. Was aber erfährt der Biograf? Wie geht es weiter im Leben des Zweiten Jakobs?

Leserin und Leser dürfen gespannt sein. Der Autor N. Gstrein stellt sich immer wieder die Frage, "ob man die Schuld, die einer im Laufe seines Lebens auf sich lädt, durch das Erzählen einholen kann". Auf alle Fälle deutet sich an, dass der damit eingeschlagene Weg der richtige sein könnte.

So gelingt es Vater und Tochter, mit der Rückkehr in das väterliche Heimatdorf zueinander zu finden. Die Tochter stellt sich dem Erwachsenensein und der Vater kann sich mit seinem (früheren) Leben versöhnen - nicht zuletzt mit seinem alten Onkel: Dem Ersten Jakob

Elke Grün


Jan McEwan
Abbitte

Kürzlich stieß ich auf eine Zusammenstellung lesenswerter Bücher, der besten Romane des 21. Jahrhunderts - Ian McEwan Abbitte war darunter und - ich fand es in der Patientenbücherei.

Der Roman erschien bereits 2002 im Diogenes-Verlag, ein überaus lesenswertes Buch.

Der bekannte britischer Autor Jan McEwan blättert die Zeitgeschichte beginnend im Jahr 1935 im beschaulichen sommerlichen England auf, thematisiert das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen verschiedener Gesellschaftsschichten, die Not der Heranwachsenden, wenn sich die Eltern entziehen. Am Beispiel der 13jährigen Briony Tallis erlebt der Lesende wie sie auf unfassbare tragische Weise das Leben der ihr liebsten Menschen auf kindlich trotzige Art nahezu zerstört. Ein Übrigens erledigt der Zweite Weltkrieg .....

Der Roman beginnt mit einer familiären Idylle, das Leben fließt zehn Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg dahin, jeder auf dem für ihn in der Gesellschaft vorgesehenen Platz. Die einsetzende Pubertät versetzt Briony in Verwirrung, lässt sie an Gewissheiten zweifeln und sie gar an dem verzweifeln, was sie an sich liebenden Erwachsenen wahrnimmt. Allein gelassen, gefangen in ihrer noch kindlichen Welt erleben wir sie als Rachegöttin, die jedem und jeder einer gerechten Strafe zuführt. Auch ihr Jahre später unternommene Gang nach "Canossa" erlöst die Beteiligten nicht; versöhnt aber den Lesenden, weil er auf der gewonnenen Einsichtsfähigkeit der Protagonistin fußt und in der grausamen Erkenntnis, dass nichts aber auch gar nichts zurückgenommen werden kann.

Der Roman Abbitte ist Teil der Weltliteratur - so befindet u.a. Ursula März.

"Ursula März ist in ihrer Begeisterung über den neuen Roman von Ian McEwan kaum zu halten. Der Autor, ohne Zweifel für die Rezensentin ein Meister der hohen, aber abgründigen Erzählkunst, hat sich hier sogar noch übertroffen. "Abbitte", in dem es um die fatale und gleich mehrere Biografien zerstörende Lüge einer 13-Jährigen geht, hält März für "das literarisch interessanteste" und "komplexeste", was McEwan bisher geschrieben hat. Einiges an diesem Roman erinnere an Emily Brontes "Sturmhöhe", und mit Sicherheit wird auch das Liebespaar Robbie und Cecilia, das die 13-jährige Briony mit ihrer Lüge ein Leben lang zu trennen weiß, Eingang in den "Olymp der großen Liebesgeschichten der Literatur" finden, ist die Rezensentin überzeugt. McEwan ist mit diesem Roman "strahlend" in der Weltliteratur angekommen, verkündet März und betont ein weiteres Mal, dass dieses Werk "sprachlich, szenisch" und "organisatorisch ein "Meisterwerk der seltenen Art" sei." (Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.10.2002, im Internet aufgerufen am 14.12.2021)

Ja - so ein kleines Juwel steht in unserer Patientenbücherei.

Elke Grün


Lizzie Doron
Der Anfang von etwas Schönem

Jüdischer Verlag, 2006
im Suhrkamp Verlag
Taschenbuch: 10,90 €

Lizzie Doron, geboren 1953, lebt in Tel Aviv und in Berlin. Sie studierte Linguistik. Ihr Roman Ruhige Zeiten wurde mit dem von Yad Vashem vergebenen Buchman-Preis ausgezeichnet. Für ihr Gesamtwerk erhielt sie den Jeanette-Schocken-Preis 2007. In ihren Büchern verbindet sie persönliche mit fiktionaler Geschichte. In dem Doku-Roman Who the Fuck is Kafka (2015) beschreibt sie die Freund-Feindschaft zu einem palästinensischen Journalisten.

Der Anfang von etwas Schönem … verspricht Chesi seiner großen Liebe Malinka. Er will sie unbedingt heiraten und sie ihn auch. Doch er meint noch etwas anderes: In Polen möchte er die jüdische Kultur wieder beleben – zusammen mit Malinka. Sie reisen nach Paris – Malinka im Glauben, dass sie und Chesi dort heiraten werden. Die Sache mit Polen ist nicht ihr Ding. Voller Enttäuschung und Zorn kehrt sie allein zurück nach Israel, wo sie seit 30 Jahren als Amalia Ben Ami in einem Radiosender als Moderatorin beschäftigt ist. Sie fühlt sich von Chesi für seine Zwecke missbraucht. Und da ist noch Gadi, das Hinkebein. Gadi, mit dem niemand außer Malinka spielen wollte und der später in Amerika reich wird. Er träumt seit seiner Kindheit, dass er einmal Amalia heiraten wird. Selbst als er in der Ferne eine Familie gründet, schreibt er ihr noch Liebesbriefe.

Amalia, Chesi und Gadi schildern aus ihrer jeweiligen Perspektive ihre Kindheit, ihre Jugend und als Erwachsene ihre Gefühle und ihre gemeinsamen und getrennten Erlebnisse in einer jüdischen Welt. Dabei springen ihre Gedanken von der Gegenwart in die Vergangenheit, weil alles miteinander verbunden ist.
Der sehr unterhaltsame Roman handelt von Menschen, die in ihre Vorstellung vom Leben geliebte Menschen mit einplanen, die diesen Plänen aber nicht folgen wollen. Er handelt auch davon, dass die junge jüdische Generation auch als Erwachsene der Geschichte ihrer Eltern nicht entkommen kann, wo auch immer sie versucht, ihr eigenes Leben zu leben. Die Sprache ist direkt, manchmal sarkastisch, jiddische Zitate erinnern an die Vergangenheit, mit (jüdischem?) Humor werden die Menschen charakterisiert. Die Handlung ist berührend, aber niemals kitschig, aber auch nicht vorwurfsvoll oder belehrend. Menschen sind Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften, einsam, talentiert, egoistisch, zornig, sehnsüchtig, verantwortungsvoll, mitfühlend, geprägt von ihrer Umgebung und von der Vergangenheit.

Hier eine Leseprobe:

Amalia

"Ab jetzt werde ich Amalia genannt", sagte ich zu Mutter, als in den Ferien aus dem Kibbuz nach Hause kam.
Sarke lachte. "Von mir aus, sollen sie dich dort so nennen", sagte sie. "Für deine Mutter, für Michaela, für mich und noch ein paar wichtige Leute bleibst du Malinka, da kann dich dein Bandit nennen, wie er will."
"Sarke, er ist kein Bandit", sagte Michaela zu meiner Überraschung. "Ich hab ein Foto von ihm gesehen. Er ist der schönste Junge von der Welt."
"Alle Mädchen wollen Boas, aber er liebt nur mich", erklärte ich.
"Weißt du", wandte sich Sarke beruhigend an Mutter, "dieser Boas wird sie nicht heiraten, sie gehört nicht wirklich zu ihnen. Bei uns in Przedborz hat man gesagt: Jeder Topf findet sein Deckelchen, aber sie ist nicht sein Topf."
"Doch, das bin ich", widersprach ich. "Und unser Kibbuz ist tausendmal mehr wert als dein Przedborz."

"Du bist das schönste Mädchen im Laden", sagte der Lebensmittelhändler Gerschtajn, und als er entdeckte, daß ich einen Büstenhalter trug, prophezeite er mir: "Alle Männer in ganz Israel werden dir nachlaufen." Sarke, die am Regal mit den Konserven stand, bemerkte seinen Blick und beschloß, daß man mich nicht mehr allein zum Einkaufen schicken durfte.
Gerschtajn ließ mich auch Jahre später nicht in Ruhe. "Malinka, sag doch mal im Radio was Nettes über Herrn Gerschtajn vom Lebensmittelladen", bat er. "Malinka, stimmt’s, daß wir am Ende heiraten?"
Ich ging hinein. Gerschtajn empfing mich mit einem glücklichen Lächeln. In meinen Augen hatte er schon immer ausgesehen wie ein Verwandter seiner Salzheringe, und jetzt, wo er alt wurde, roch er auch nach Hering.
"Haben Sie eine Hefeschnecke mit Zimt und Rosinen?" hörte ich mich zu meiner Überraschung fragen. Ich wußte, daß er schon seit Jahren keine Hefeschnecken mehr führte, doch auf einmal ergriff mich eine seltsame Unruhe, und ich leerte die Regale, belud den Einkaufswagen mit Käse, Joghurt, Würsten, Brötchen, Butterkeksen, Waffeln, Schokolade und Salzstangen.
Wieder nutzte er die Gelegenheit. "Malinka, sag doch mal im Radio was Nettes über Herrn Gerschtajn vom Lebensmittelladen … Und Malinka, stimmt’s, daß wir am Ende heiraten?"
Das ist also der Bräutigam, der mir geblieben ist, dachte ich erschüttert.
"Ausgeschlossen", erklärte ich ihm ein für allemal.
Herr Gerschtajn sank in sich zusammen und schwieg.

Martina Schilling


Iris Wolff
Die Unschärfe der Welt
nominiert zum Deutschen Buchpreis 2020

Iris Wolff, eine 1977 in Hermannstadt, Siebenbürgen, geborene Autorin, hat mit ihrem neuesten Buch Die Unschärfe der Welt einen besonderen Roman aus dem Banat vorgelegt - einer uns nicht mehr ganz so geläufigen Region, einer "historischen Region in Südosteuropa", heute aufgeteilt unter den Staaten Rumänien, Serbien und Ungarn.

"Die Unschärfe der Welt ist ein eminent poetischer Roman, der die ganze Klaviatur der sinnlichen und gedanklichen Erfahrungen ausspielt und gleichzeitig von politischer und historischer Wirklichkeit durchdrungen ist. Nimmt man noch die überaus originelle Erzählweise hinzu, kann man kaum glauben, wie leicht sich das trotzdem alles liest, wie vollkommen dieser kurze Roman ist" (Pascal Mattheus, Literaturkritik)

Ja, es ist ein Roman - leicht, dennoch tiefgründig und absolut lesenswert! Die Autorin versetzt uns in wenigen Kapiteln in eine vier Generationen umfassende Familiengeschichte, als es die DDR und den Ostblock noch gab und dann nicht mehr. In der ausgehenden Winterkälte des Banats wird Samuel als einziger Sohn des jungen Pfarrers Hannes und seiner Frau Florentine geboren. Das Banat war dem Pfarrer wie eine Strafe vorgekommen, "doch einem Ruf widersetzt man sich nicht". Fremd sind sie dort, dennoch führen sie ein ausgefülltes, begegnungsreiches Leben im Pfarrhaus, in dem sich die Sprache angesichts des Völkergemischs oft als unzulänglich erweist. Die Sprache macht es manchmal schwer, sich zu verstehen, Wörter und Erleben passen oft nicht zueinander - Wahrnehmung und Welt gehen auseinander. Wie wird es möglich, zu erkennen, was wichtig ist?

Mitten im Geschehen steht Samuel. In einer unaufdringlichen und bilderreichen Sprache - die Kritik spricht von "einem Zauberkunststück der Imagination", "so schön hat noch niemand Geschichte zum Schweben gebracht" - entsteht sein Leben. "Durch die Augen seiner Mutter, seines Vaters, seiner Großmutter, seiner ersten Liebe, zweier Freunde und seiner Tochter bekommt ihn der Leser in den Blick, präsentiert sich sein Leben gleichzeitig umfassend und fragmentarisch und am Ende steht er einem dennoch ganz klar vor Augen" (Pascal Mattheus s.o.) - daneben natürlich auch die anderen. Was auch geschieht: Die vier Generationen, diese sieben Personen, stehen füreinander ein, gerade auch in der dunklen, harten Zeit des Securitate Regimes mit täglichen Verleumdungen und Verhaftungen. Unberührt davon kommen und gehen die Jahreszeiten mit ihren Eigenheiten und den besonderen Sommern. Der junge Erwachsene Samuel erlebt seine erste und große Liebe, bringt dann aber ohne zu zögern seinen gefährdeten Freund über die Grenze nach Ungarn und folgt ihm nach Deutschland. Nach Jahren mit dem Zusammenbruch des Ostblocks kehrt Samuel zurück und gründet seine eigene kleine Familie. Von den übrigen Personen finden etliche in Deutschland eine neue Heimat. Für die anderen geht das Leben im Banat weiter, ja es bleibt im Banat nahezu stehen. Samuel aber lebt schließlich mit seiner Frau und zwei Kindern in Deutschland, er ist sich treu geblieben - eine gewinnende und integre Figur in einer Welt, in der ihm nichts mehr fremd zu sein und sich die Differenz zwischen Wort und Welt angenähert zu haben scheint.

Elke Grün


Delia Owens
Der Gesang der Flusskrebse

Der Roman von Delia Owens, aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.
"Ein schmerzlich schönes Debüt, das eine Kriminalgeschichte mit der Erzählung eines Erwachsenwerdens verbindet und die Natur feiert." so die New York Times und nach Denis Scheck "Ein Schmöker, aber einer mit literarischen DNA. Ein Debüt, das durch unvergessliche Naturschilderungen besticht." (Tagesspiegel, 15.09.19)

Der Gesang der Flusskrebse - ein ungewöhnlicher Titel, der aber nahelegt, dass der Roman am Fluss, einem Marschland spielt - in Wald und Wasser, Wildnis und Natur. Dort in Nordamerika leben entwurzelte Familien, die fernab jeglicher Kultur und Zivilisation ihr Dasein fristen. Es geht um das Kind, später die Jugendliche und dann jungen Frau Kya Clark, die als Autodidaktin zu einer Spezialistin der Flora und Fauna des Marschlands wird und Anerkennung erlangt - nur unterstützt durch einen Jugendfreund aus der ihr nicht zugänglichen Welt. Allerdings ist die Wertschätzung keine ungeteilte, denn das Marschmädchen ist vielen ob seiner Lebensweise - seit Kindheitstagen völlig allein in der Wildnis lebend - suspekt. Als dann ein junger Mann aus dem nahe gelegenen Ort Barkley Cove ermordet aufgefunden wird, ist für die Einwohner klar: Es kann nur das mittlerweile erwachsene Marschmädchen gewesen sein.

Einssein mit der Natur, Erfolg und Misserfolg, Liebe, Misstrauen und Hass erlebt der Lesende mit der Protagonistin. Sie sucht ihren Weg und verblüfft mit dem Wie ihre Leser und Leserinnen. Ein spannender, unterhaltsamer leicht lesbarer Roman, der uns zeigt, wie nachhaltig uns die Kindheitsmuster prägen. Er zeigt vor allem auch, dass es immer hilfsbereiter mitfühlender Menschen bedarf, die wie hier die heranwachsende Kya unterstützen und damit Raum für ihr Aufwachsen und die entstehende Liebe zwischen dem Kya Clark und ihrem Jugendfreud schaffen.

Die Not der Marschleute, deren Verlassenheit, deren Lebensunfähigkeit und deren aus Not geborene Verantwortungslosigkeit den eigenen Kindern gegenüber, aber ebenso deren Überlebenswille kontrastieren mit der Einzigartigkeit des Marschlands: Der Vielfalt der Flusstiere und der Muscheln, der Pflanzen und etwa der Vögel.
Ich schließe mich den oben genannten Kritiken an und ende mit der Empfehlung von Elke Heidenreich:
"Ein ganz wundervolles Buch, eines der schönsten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Ein einzigartiges Buch." (Elke Heidenreich, WDR4, 30.09.19)

Elke Grün


Alex Lépic
Lacroix und die stille Nacht von Montmartre: Sein dritter Fall

Alex Lépic hat einen leicht lesbaren, ungewöhnlichen Krimi vorgelegt - aus dem Herzen von Paris im weihnachtlichen Schnee. Unter Alex Lépic dürfte sich möglicherweise dem Internet zufolge der deutsche Autor Alexander Oetker zu verbergen. So soll der Schriftsteller 1982 in Paris geboren und in Deutschland aufgewachsen sein. Er halte sich oft in Paris auf und ließe dort Kommissar Lacroix ermitteln.
In seinem Band Lacroix und die stille Nacht von Montmartre wird das weihnachtliche Paris lebendig. Lacroix, Kommissar eines unteren Pariser Bezirks, wundert sich über den überaus ungewöhnlichen Schneefall zu Weihnachten, wundert sich bei der morgendlichen Zeitungslektüre noch mehr über eine Notiz zum Diebstahl der vollständigen Weihnachtsbeleuchtung auf dem Place du Tertre, dem Herzstück Montmartres. Lacroix liest wieder, wägt ab und beschließt ahnungsvoll, den Tatort aufzusuchen. In dichtem Schneefall steigt er auf den Montmartre hinauf - siehe da, die absolut komplette Weihnachtsbeleuchtung ist gestohlen - möglicherweise nichts Besonderes, aber für Lacroix scheint mehr dahinter zu stecken. Allerdings ist der Montmartre der Bezirk seiner Kollegin Rose Violet. Aber als am nächsten Morgen auch noch der riesige Weihnachtsbaum von Sacré-Coeur fachmännisch gefällt am Boden liegt, möchte Lacroix gern ermitteln und bietet der über die Störung der weihnachtlichen Ruhe wenig erfreuten Kollegin seine Hilfe an. Beide Kommissare beginnen auszuloten, tippen auf Weihnachtsgegner und tappen zunächst im Dunkeln. Dann geschieht ein Mord, der die Ermittler schließlich auf die richtige Spur bringt. Aber ist die Lösung dieses Weihnachtsfalls ohne Begegnung mit Madame Lacroix, Bürgermeisterin eines Arrondissements, ohne die besondere Atmosphäre des strahlend weihnachtlichen Paris und ohne den Bruder von Kommissar Lacroix, einem Geistlichen in der Kirche Sainte-Clotilde, möglich?

Ein kurzweiliges Lesevergnügen mit viel Pariser Charme in der stillen Nacht von Montmartre.

Elke Grün


Patientenbücherei an der Universitätsmedizin Mainz
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