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Buchtipp

Gartengeschichten
Eva Demski
inseltaschenbuch 4003
Erste Auflage 2011

Eva Demski sagt in ihrem klugen und charmanten Buch über den Garten: "Er hat mich mehr als einmal gerettet, die Dinge zurechtgerückt, mich zum Lachen gebracht, wenn mir zum Heulen war. Er bereitet mir Niederlagen, aber er tröstet mich, wenn die Welt mir welche bereitet."

Dies ist ein Gartenbuch der besonderen Art. Die Geschichten haben eine große Identifikationskraft nicht nur für GartenliebhaberInnen. "Neben der Kultivierung von Pflanzen geht es auch um die Hege und Pflege des Lebens" (Florian Balke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung), mal spöttisch, mal liebevoll, mal kritisch.

Z. B. erinnert die Autorin an die Mutter, die sich über ihren großen Garten beschwerte als "ein Lebewesen, das unmäßige Forderungen stellt", der aber auch Katzenfriedhof war und eine "geniale Kombination von Farben und Pflanzen". Oder an eine Einladung von Dichtern nach Sarajevo 1996, wo die blühenden Kirschbäume, die zerschossenen Häuser, die Soldaten und die Dichter überhaupt nicht zusammenpassten und die Besucher verlegen machten.
Da gibt es die großartige Gärtnerin Annie, die im späteren Alter die Freude an der körperlichen Liebe für sich entdeckt. Und die philosophische Erkenntnis, dass "der Gärtner das große Ganze nicht ändern kann. Seine Erde kann er aber fragen, was sie will, und ihr zuhören". Aber Demski schildert auch, woran man den Garten eines Misanthropen erkennt, oder sie mutmaßt, wie Epikurs Garten ausgesehen haben könnte und wie sich die Gedanken der Philosophen in deren Gärten entwickeln konnten. Sie spekuliert, ob sich die sieben Todsünden im Garten ins grüne Ganze einfügen und an Bedrohlichkeit und Strafwürdigkeit verlieren. Sie macht sich auf liebevolle Weise lustig über Vorgärten und beklagt, dass immer mehr von ihnen Parkplätzen weichen oder öde zugepflastert werden.
In einer anderen Geschichte geht es um Fluch und Freude der Flugsamen, Gäste im Garten, die sich an keine Gestaltungsordnung halten - wohl den Gärtnern, die das kreative Chaos lieben. Dann gibt es eine Blumenverkäuferin, die "eine Art Biographin in Blumen ist: Geburt, Liebe, Krankheit, Genesung, runde Geburtstage, Trennung, Versöhnung, schließlich der Tod – alles hat seine Blumen". Aber auch über Englische Gärten, Paradiesgärten, (Gärtner) Paare wie Fürst Pückler-Muskau und seine Frau philosophiert Eva Demski mit manchen überraschenden Gedanken, rührenden Geschichten, treffenden Allegorien und einer wunderbaren Kenntnis des Pflanzenreichtums.

Sie hat zu ihren Geschichten einen adäquaten Illustratoren gefunden: Michael Sowa trifft mit seinen Bildern genau den Humor und die Liebe der Menschen zu ihren Gärten.

Dieser kleine Schatz ist nicht mehr ganz jung. Sie finden ihn aber in der Patientenbücherei. Ich wünsche Ihnen eben so viel Freude am Schmökern, wie ich ihn hatte. Vielleicht zaubern Sie auch anderen ein Lächeln ins Gesicht, wenn Sie die Geschichten vorlesen.

Martina Schilling


Lutz Seiler
Stern 111
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
Gebunden, 528 Seiten

Denkt man an Lutz Seilers Roman Cruso - dann sicher an die seltsam zusammengewürfelte Koch- und Lebensgemeinschaft junger DDR-Gegner im letzten Gasthof auf Hiddensee. Gleichsam nahtlos knüpft der Autor an den dort eingeläuteten Aufbruch in den Westen an und beschreibt im Stern 111 den Exodus einer aufbrechenden Familie unmittelbar nach dem Mauerfall: In Gera, Berlin und Amerika - so, als hätte er es selbst erlebt. Es war vermutlich so.

Die Protagonisten, Inge und Walter Bischoff und deren Sohn Carl, vollziehen im November 1989 eine 180 Grad Wende. Das Ehepaar macht sich mit Akkordeon und Rucksäcken beladen überstürzt, gerade als hätten sie es lange planen können, von Gera aus auf in den Westen: Auffanglager, Notunterkünfte, Arbeitssuche. Sie lassen den über ihr Warum ahnungslosen Carl, einen studierenden Mauerer und Poeten, zurück. Er weiß nur, er habe auf die Geraer Wohnung und auf das in Jahrzehnten sorgsam gealterte Auto, einen Shiguli, aufzupassen - als einsamer Statthalter im Osten.

Die merkwürdige Geschichte der Eheleute verfolgt man staunend, manchmal ungläubig und fragt sich, was die beiden wohl antreiben mag. Es ist etwas lange Aufgespartes, ein Traum von Amerika, ein Leben mit der Musik. Dann folgt der Leser Carls Weg. Er versagt sich dem elterlichen Wunsch und entweicht verstohlen aus Gera, verlässt sein altes Leben und fährt mit dem Shiguli im November 1989 nach Ost-Berlin. Verirrt und verwirrt trifft er in ziemlicher Not eine bunte Gesellschaft überwiegend junger Leute, ein ihn wärmendes und nährendes Rudel. Es lebt in alten abbruchreifen Häusern an der alten Grenze und betreibt gut organisiert die erste Arbeiterkneipe "Die Assel". Schräg ist alles. Aber Carl, der unbehaust im Auto nächtigen musste, spürt dankbar das Miteinander und die Achtsamkeit füreinander.

Das neue Leben von Sohn und Eltern findet in dieser Zeit nicht zusammen. Hier arbeitet Carl in der Asseler "Unterwelt", einer skurrilen unvorstellbaren Welt, hier trifft er seine Geraer Lebensliebe Effi wieder. Eine Liebe, die unerfüllt und vor allem unerwidert bleibt. Dort verfolgen die Bischoffs zielstrebig ihren Traum, erledigen zunächst Hilfsarbeiten und lernen das Anderssein des Westens kennen.

Wie auch im Roman Cruso spielt das Radio eine besondere Rolle - der Stern 111, das Kofferradio der DDR.

Schließlich und endlich fügt sich alles wieder zusammen. Den Eltern gelingt die Einreise in die USA und der Einstieg in ein Sport- und Musikerleben. Carl wird eingeladen und kommt – so der Epilog - erst 1992 aus Los Angeles zurück. Auch die Eltern leben später wieder in Gera – aber nun als Eigentümer der alten Wohnung. Ein Roman der Wendezeit: exotisch, oft unrealistisch anmutend, spannend, zeitgeschichtlich, berührend - ein lesenswerter Roman.

Elke Grün

Patientenbücherei an der Universitätsmedizin Mainz
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Tel. 06131/17-2679 - Fax 06131/17-6236