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Buchtipp

Lutz Seiler
Stern 111
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
Gebunden, 528 Seiten

Denkt man an Lutz Seilers Roman Cruso - dann sicher an die seltsam zusammengewürfelte Koch- und Lebensgemeinschaft junger DDR-Gegner im letzten Gasthof auf Hiddensee. Gleichsam nahtlos knüpft der Autor an den dort eingeläuteten Aufbruch in den Westen an und beschreibt im Stern 111 den Exodus einer aufbrechenden Familie unmittelbar nach dem Mauerfall: In Gera, Berlin und Amerika - so, als hätte er es selbst erlebt. Es war vermutlich so.

Die Protagonisten, Inge und Walter Bischoff und deren Sohn Carl, vollziehen im November 1989 eine 180 Grad Wende. Das Ehepaar macht sich mit Akkordeon und Rucksäcken beladen überstürzt, gerade als hätten sie es lange planen können, von Gera aus auf in den Westen: Auffanglager, Notunterkünfte, Arbeitssuche. Sie lassen den über ihr Warum ahnungslosen Carl, einen studierenden Mauerer und Poeten, zurück. Er weiß nur, er habe auf die Geraer Wohnung und auf das in Jahrzehnten sorgsam gealterte Auto, einen Shiguli, aufzupassen - als einsamer Statthalter im Osten.

Die merkwürdige Geschichte der Eheleute verfolgt man staunend, manchmal ungläubig und fragt sich, was die beiden wohl antreiben mag. Es ist etwas lange Aufgespartes, ein Traum von Amerika, ein Leben mit der Musik. Dann folgt der Leser Carls Weg. Er versagt sich dem elterlichen Wunsch und entweicht verstohlen aus Gera, verlässt sein altes Leben und fährt mit dem Shiguli im November 1989 nach Ost-Berlin. Verirrt und verwirrt trifft er in ziemlicher Not eine bunte Gesellschaft überwiegend junger Leute, ein ihn wärmendes und nährendes Rudel. Es lebt in alten abbruchreifen Häusern an der alten Grenze und betreibt gut organisiert die erste Arbeiterkneipe "Die Assel". Schräg ist alles. Aber Carl, der unbehaust im Auto nächtigen musste, spürt dankbar das Miteinander und die Achtsamkeit füreinander.

Das neue Leben von Sohn und Eltern findet in dieser Zeit nicht zusammen. Hier arbeitet Carl in der Asseler "Unterwelt", einer skurrilen unvorstellbaren Welt, hier trifft er seine Geraer Lebensliebe Effi wieder. Eine Liebe, die unerfüllt und vor allem unerwidert bleibt. Dort verfolgen die Bischoffs zielstrebig ihren Traum, erledigen zunächst Hilfsarbeiten und lernen das Anderssein des Westens kennen.

Wie auch im Roman Cruso spielt das Radio eine besondere Rolle - der Stern 111, das Kofferradio der DDR.

Schließlich und endlich fügt sich alles wieder zusammen. Den Eltern gelingt die Einreise in die USA und der Einstieg in ein Sport- und Musikerleben. Carl wird eingeladen und kommt – so der Epilog - erst 1992 aus Los Angeles zurück. Auch die Eltern leben später wieder in Gera – aber nun als Eigentümer der alten Wohnung. Ein Roman der Wendezeit: exotisch, oft unrealistisch anmutend, spannend, zeitgeschichtlich, berührend - ein lesenswerter Roman.

Elke Grün

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